Stufen

Ich warte. Warte auf die große Kiste, in der sich mehrere dutzend Male ein und dasselbe Buch befindet. Mein Buch …

Natürlich könnte ich tausend Dinge erledigen. Die Wäsche zum Beispiel, den Papierkram. Könnte meine neue PA auspacken oder mich endlich verdammt nochmal entscheiden, was ich als Nächstes schreiben möchte. Welches dieser sechs hier wartenden Roman-Manuskripte das erste sein soll, das zu Ende gebracht wird. Denn das ist der Plan. Ich weiß, das war er schon öfter, eigentlich jedes Jahr aufs Neue und nie ist auch nur ansatzweise etwas daraus geworden. Aber nun, mit dem Schulwechsel des Sohnes nach den Sommerferien, wenn ich nicht mehr Bringen und Abholen, nicht mehr Kochen und regelmäßig die Hausaufgaben begleiten muss … müsste das dann nicht endlich drin sein?! Echte Schreibzeit?

Aber bevor ich nach vorne schaue, bietet dieses Warten auch die Gelegenheit, zurückzublicken. Innezuhalten und sich anzusehen, was da eigentlich passiert ist in den letzten sechs Jahren. Es sind nur sechs Jahre und trotzdem fühlt es sich an, als wäre das alles schon immer so gewesen. Und irgendwie stimmt das ja auch, denn geschrieben habe ich schon immer. Nur für mich. Nie Geschichten, nur Szenen hinten auf die letzten Seiten meiner Schulhefte. Andere haben das Geschriebene nie zu Gesicht bekommen, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, es je irgendwem gezeigt zu haben. Nicht mal meinen Eltern. Oder besonders nicht meinen Eltern? Ich erinnere mich nicht. Vielleicht wollte ich bloß, dass es allein mir gehört. Vielleicht habe ich es versteckt, weil alles, was ich gemacht habe, so selten gut genug für sie war. Vielleicht wollte ich es vor ihrem vernichtenden Urteil schützen, vielleicht wusste ich aber auch selbst, dass es wirklich nicht gut war …

Der Erste, der je etwas von mir gelesen hat, war mein Religionslehrer (Hallo, Herr Heimann!) in der Oberstufe. Nicht, weil ich ihm besonders vertraut hätte, sondern weil ein Blick auf mein Fehlstundenkonto es nötig machte, dass ich eine zusätzliche Aufgabe erledigte. Ich sollte ihm etwas zum Thema „Sonntag“ anfertigen. Da dieser Lehrer vor allem passionierter Kunstlehrer war, hatte ich die Option, ihm ein Bild zu malen. Malen? Kein Problem! Ich malte. Malte mein Zimmer ohne Farben und ein großes farbiges Poster an die Wand über mein Bett: „Der Schrei“ von Munch. Malte einen Radiowecker, der auf von 23:59 auf 00:00 wechselte, einen Tageskalender, von dem das Samstagsblatt herabfiel und der Sonntag zum Vorschein kam, sowie Wolken, die sich vor den Mond schoben. Es war kein Meisterwerk, aber es war etwas zum Thema Sonntag. Ich gab es ab – und traf auf Unverständnis. Ich solle doch bitte noch etwas dazu schreiben, um das Bild verständlicher zu machen. – *seufz*
Da ich auf lange Erklärungen des Bildes keine Lust hatte und auch keine theologische Arbeit abliefern wollte, schrieb ich damals, vor etwas über 20 Jahren, meine allerste „Kurzgeschichte“ (die sich hier nachlesen lässt – das Bild habe ich leider nicht mehr, das ist in der Schule geblieben). Ich weiß nicht, ob mein Lehrer sie mochte, ob sie ihm geholfen hat, das Bild oder sogar mich zu verstehen. Die Wahrheit ist, ich habe ihn seit der Abgabe der Geschichte nicht mehr gesehen. Die Fehlstunden und so … Aber auf meinem Abizeugnis fand sich hinter dem Wort „Religion“ ein gnädiges ausreichend.

Der Deutschunterricht in der Berufsschule war schließlich ausschlaggebend, dass ich offener geschrieben habe.
Unsere Lehrerin machte einige Übungen zum Thema „kreatives Schreiben“ mit uns, während denen der Anfang zu meinem ersten Fantasy-Manuskript (für Neugierige: hier) entstand, der in unserem Jahrbuch abgedruckt und von meinen Klassenkameradinnen recht begeistert aufgenommen wurde. Und auch wenn die Sprüche von der „erfolgreichen Schriftstellerin, mit der man einmal die Schulbank gedrückt habe“ nur Spaß und Gefrotzel waren, so haben sie mich doch ermutigt, mich nicht mehr zu verstecken und regelmäßiger und zusammenhängender zu schreiben. Mehr, als immer nur die paar Szenen, die ich gerade im Kopf hatte.

Der nächste Schritt kam dann wieder einige Jahre später. Während meines Studiums fand ich in Berlin eine Rollenspielgruppe und darin eine liebe Freundin, die ebenfalls schrieb. Mir ihr und den kreativen Köpfen aus dem FFCorner-Forum erlebte ich eine ergiebige Zeit, in der ich zwar nichts Relevantes oder Taugliches hervorbrachte, aber viel geschrieben und viel gelernt habe. Ein Hoch auf das Internet. Lustigerweise behielt ich die Kurzgeschichten, die zu der Zeit entstanden, dennoch für mich und teilte sie nicht, wie die Fanfictions oder die Kapitel des Fortsetzungsromans, den wir gemeinsam schrieben. Vielleicht, weil Textdiebstahl schon damals ein Thema war und ich ziemlich entsetzt drei meiner Geschichten auf anderen Foren oder Netzwerken unter fremdem Namen wiederfand …

Und dann kam Tanja.
Sie las mich auf, könnte man sagen. Ich weiß genau, ich wäre heute nicht die, die ich bin, nicht da, wo ich heute bin, wenn Tanja nicht gewesen wäre.
Ich hatte zum zweiten Mal eine Geschichte bei einem Schreibwettbewerb in einem Forum eingereicht, in dem ich sonst nur mitlas und das mit Schreiben eigentlich nichts zu tun hat. Es war ein kleiner Rahmen, nichts offizielles, aber die Rückmeldungen der Leser waren hilfreich und darum nahm ich teil. Ich habe nie gewonnen, aber freute mich, wenn jemandem gefiel, was ich geschrieben hatte.
Und dann kam die Nachricht von Tanja. Ob ich schon veröffentlicht hätte. Warum nicht, ich hätte das Zeug dazu. Sie würde mir gern helfen. Ich war skeptisch. Doch gemeinsam mit ihr wagte ich mich an die ersten Ausschreibungen. Kleine, bei nicht nennenswerten Verlagen, die zwar Kurzgeschichten herausgeben, im Romanbereich aber teilweise als DKZV unterwegs waren. Auch wenn ich damals schon wusste, dass diese Verlage Mist sind, hat mich das nicht gestört. Ich wollte mich ausprobieren, und da ich nie etwas bezahlen musste, brav meine Freiexemplare bekam und meine Rechte am Text behalten durfte, manchmal sogar ein kleiner Betrag für die beste Geschichte unter den Autoren vergeben wurde, war ich für den Anfang damit zufrieden.

Und so sammelten sich über die Jahre ein paar Veröffentlichungen. Ich bekam einen kleinen Einblick in den Umgang mit verschiedenen Lektoren, konnte ein bisschen Verlagsluft schnuppern. Und kam an den Punkt, an dem ich wusste, dass es Zeit ist, weiterzugehen.
Natürlich wusste ich, dass es schwer werden würde, einen Verlag für die Kurzgeschichtensammlung einer ansonsten unbekannten Autorin zu finden. Ich habe sechs Bewerbungen verschickt, am Ende hatte ich drei Zusagen. Und ich bin unfassbar froh, dass ich mich entgegen meinem ersten Impuls nicht sofort auf die erste Zusage gestürzt habe, denn mein Wunschverlag sollte tatsächlich folgen.

Und nun sitze ich hier und warte auf die Kiste. Auf mein Buch. Mein ganz eigenes Buch.

Ich bin glücklich. Und stolz. Und dankbar. Dem Verlag, meiner Familie, allen, die mich lesen. Und Tanja. Ganz besonders Tanja.

Und obwohl sich das alles so verdammt gut anfühlt, sehe ich in der Ferne schon die nächste Stufe. Kurzgeschichten. Sammlung. Roman. Romane. Für immer schreiben.
Das ist der Weg. Das ist mein Ziel.

Aber zuallererst kommt nun die Kiste.

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